Fiel nach dem Reiten im modernen Fünfkampf weit zurück: Annika Schleu. (Urheber/Quelle/Verbreiter: Marijan Murat/dpa)

«Hassnachrichten erhalten» – Drama um Fünfkämpferin Schleu

Tränenüberströmt saß Annika Schleu auf ihrem verängstigten Pferd. Als der olympische Gold-Traum der Modernen Fünfkämpferin endete, schlug sie aus purer Verzweiflung immer wieder mit der Gerte auf den ihr zugelosten Saint Boy.

«Hau mal richtig drauf! Hau drauf!», rief Bundestrainerin Kim Raisner – im Fernsehen deutlich hörbar – der Berlinerin zu. Schleu konnte das verunsicherte Tier nicht beruhigen.

Mit dem vorher absolut realistischen Olympiasieg wurde es für die 31-Jährige nichts, weil sie keinen vernünftigen Ritt absolvieren konnte. Am Ende des größten sportlichen Dramas ihrer Karriere und Platz 31 in Tokio musste sie sich zudem mit heftiger Kritik aus der Heimat auseinandersetzen.

«Moderne Tierquälerei»

«Wenn man das sieht, mag man denken, dass das immer so läuft. Die Erfolge, die wir sonst zwischendurch feiern, sprechen dagegen», sagte Schleu in der ARD. «Eigentlich sind wir Deutsche als gute und solide und auch einfühlsame Reiter bekannt.»

«Moderne Tierquälerei» oder «Kein Respekt vor dem Tier» war wenige Minuten nach den ungewöhnlichen Szenen bei Twitter zu lesen. Sie habe schon «diverse Hassnachrichten erhalten», sagte Schleu kurz nach dem Wettkampf selbst. Sätze wie «Holt das Mädchen vom Pferd runter» und sich übergebene Smileys gehörten noch zu den gemäßigten Botschaften. «Das bricht mir halt als tierliebende Person das Herz», sagte Schleu.

Zu Beginn des Reitens als dritter Disziplin im Modernen Fünfkampf konnte die das Pferd einfach nicht dazu bringen zu starten. «Ich war schon sehr verzweifelt, ich habe gar nicht mehr damit gerechnet, dass wir in den Parcours starten», sagte die Olympia-Vierte von Rio und ergänzte: «Ich werde wahrscheinlich noch eine Weile brauchen, um drüber hinwegzukommen.»

«Der worst, worst case»

Besonders bitter für die deutschen Fünfkämpferinnen: schon vor fünf Jahren beendete ein komplett misslungener Ritt die Träume vom zweiten Olympia-Gold für Lena Schöneborn. «Ich kann es kaum glauben, dass uns das zwei Olympische Spiele hintereinander passiert», sagte Bundestrainerin Raisner in der ARD und fing selbst an zu weinen. «Es ist der worst, worst case, der jetzt eingetreten ist. Mit allen anderen Punktzahlen hätte man Annika keine Medaille mehr nehmen können», sagte Schöneborn, die auf der Tribüne saß und die bitteren Momente ihrer langjährigen Trainingspartnerin miterlebte.

Schleu war chancenlos. Dabei hatten sich die Probleme schon angedeutet. Saint Boy wollte wenige Minuten zuvor bei Gulnas Gubaidullina vom Team des Russischen Olympischen Komitees bereits nicht über die Hindernisse. Ein Tierarzt erklärte das Pferd dennoch für einsatzbereit, Schleu musste losreiten. «Auf dem Abreiteplatz hat es funktioniert», berichtete sie. Keinen Fehler habe es gegeben. Doch auf dem Parcours wollte das Pferd nicht mehr, und Schleu musste das schlechtestmögliche Resultat hinnehmen. Raisner sagte: «Es ist nicht ihre Schuld. Das Pferd wollte immer nur zur Tür.»

Mit zugelostem Pferd in den Parcours

Anders als im Springreiten müssen die Sportlerinnen und Sportler im Fünfkampf mit einem zugelosten und vorher unbekannten Pferd in den Parcours. Der Veranstalter stellt die Tiere zur Verfügung. Sie haben dann im Wettkampf mehrere Reiterinnen und Reiter nacheinander im Sattel. Vor dem Ritt haben die Sportlerinnen und Sportler nach einer Auslosung nur 20 Minuten Zeit, um sich mit dem Pferd vertraut zu machen. Dies gelang Schleu mit Saint Boy gar nicht.

13 Jahre nach dem historischen Gold von Schöneborn in Peking standen die Fünfkämpferinnen ohne Medaille da. Gold ging an die Britin Kate French vor Laura Asadauskaitė aus Litauen und Sarolta Kovacs aus Ungarn. Die zweite deutsche Starterin Rebecca Langrehr kam auf Rang 28 ins Ziel, auch die zweite Berlinerin hatte Probleme mit dem Pferd. Im abschließenden Laser Run – ein kombinierter Wettkampf aus Schießen und Laufen – kamen die Deutschen nicht mehr nach vorne.

Olympia im Frühjahr noch in weiter Ferne

Für Schleu war das besonders bitter. Im Frühjahr war das Ziel Olympia noch fern. Sie hatte sich mit dem Coronavirus infiziert und musste mehrere Wochen pausieren. Als harte und deprimierende Zeit beschrieb die Berlinerin die damalige Phase. Schleu kämpfte sich zurück an die Spitze – mit einer Medaille wurde sie nach dem undankbaren vierten Rang in Rio de Janeiro aber auch in Tokio nicht belohnt.

Dabei ging es glänzend los. Zum Auftakt im Fechten hatte die Weltranglisten-Dritte ihre Ambitionen unterstrichen und sich an die Spitze gesetzt. Nach einer guten Leistung im Schwimmen blieb die WM-Vierte vorne. Dann begann das Drama. Ob die 31-Jährige bei den nächsten Olympischen Spielen in Paris dabei sein werde, ließ sie noch offen. «Wenn der Ausgang anders gewesen wäre, wäre die Entscheidung leichter», sagte sie.

Von Jordan Raza und Thomas Wolfer, dpa

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